„Big Brother is watching you“ – 1984 von George Orwell

Worum geht's?

 

In einer fiktiven Version des Jahres 1984 herrscht dauerhafter Krieg auf der Erde. Die Landmassen sind unter drei Supermächten aufgeteilt worden, deren Kräftegleichgewicht keinen Frieden in Aussicht stellt. Eine der Supermächte nennt sich Ozeanien und umfasst die amerikanischen Kontinente, Australien, Südafrika und Großbritannien unter sozialistisch-diktatorischer Herrschaft. Protagonist des Buches ist Winston Smith, ein einfaches Parteimitglied in London. Sein gesamtes Leben wird von der Partei überwacht – noch nicht einmal in seiner eigenen Wohnung ist er vor den Kameras sicher und jedes unzufriedene Mundwinkelzucken könnte den Tod bedeuten. Die Bevölkerung befindet sich im Zustand der dauerhaften Gedankenkontrolle und im Zuge seiner Arbeit im Ministerium ist Winston daran beteiligt. Er schreibt alte Zeitungsartikel um, sodass sie sich der Realität anpassen. Soll heißen: Wenn die Regierung die Schokoladenrationen um zwanzig Prozent kürzt, ändert er die vorherige Größe der Rationen in allen vorhergehenden Dokumenten, sodass die Regierung fröhlich verkünden kann, die Rationen erhöht zu haben. Zweifel am Regime und am Wahrheitsgehalt der Informationen hatte Winston dementsprechend schon immer, doch nun beschließt er tätig zu werden; er begibt sich in einer Welt aus Lügen auf die Suche nach der Wahrheit. Und genau zu diesem Zeitpunkt lernen wir ihn kennen.

Die Rückseite von 1984 in der neuen Ausgabe vom Ullstein Verlag.
Die Rückseite von 1984 in der neuen Ausgabe vom Ullstein Verlag.

Der Klassiker

 

Es gibt Bücher, die brauchen eigentlich weder Einleitung noch Inhaltsangabe. Das legendäre 1984 von George Orwell, geschrieben 1946-1948, ist eins davon. Tatsächlich ist es sogar recht schwierig, in ein paar Sätzen darzustellen, worum es geht. Die Erfahrung scheint auch der Ullstein Verlag gemacht zu haben, der die deutsche Fassung aktuell herausbringt, denn der Klappentext scheint sagen zu wollen: „Du weißt doch ohnehin schon, worum es geht!“

 

Und: Ja, das weiß ich. Im Inneren des Buches befindet sich trotzdem noch eine kleine Inhaltsangabe, aber so viel braucht man gar nicht mal zu wissen. Probieren wir es mal in einem Satz: 1984 ist der Dystopische Roman des 20. Jahrhunderts.

 

Klar, da gibt es noch Huxleys Schöne neue Welt und ein paar ähnliche Werke, aber Orwell überragt sie in der popkulturellen Relevanz alle, denn sein Werk ist auch heutzutage noch allgegenwärtig. Alleine der Satz Big Brother ist watching you, mit dem wohl jeder Mensch etwas anzufangen weiß und bei dem es einigen kalt den Rücken herunterläuft, zeigt wie allgegenwärtig Orwell ist. Orwell-Kritiker sagen, 1984 sei eine großartiges fiktionales Werk, Fans hingegen unterstellen ihm eine detailgetreue Vorhersagekraft. Doch was ist dran an dem Hype dieses Longsellers? Welchen Eindruck hat das Buch bei mir hinterlassen? Hat es mir vielleicht sogar die Augen geöffnet?

 

Bevor er es mit der Buchvorstellung losgeht, muss ich allerdings noch ein paar Sachen loswerden und tue das mal ganz frei in Form einer recht langen Einleitung. Wem es nur um das Buch geht, soll bitte fleißig zur nächsten Überschrift scrollen.

 

Normalerweise stelle ich hier ausschließlich Bücher vor, die ich über Jahre hinweg mehrmals gelesen habe und deswegen uneingeschränkt empfehlen kann. 1984 ist in der Hinsicht eine kleine Ausnahme, ich habe es nämlich bisher nur zweimal gelesen und das erst vor ein paar Monaten. Vor der Arbeit an diesem Artikel habe ich mir die wichtigsten Passagen nochmal zu Gemüte geführt, aber trotzdem fühlt sich das Schreiben gerade etwas vorschnell an. Dazu muss ich sagen, dass ich eigentlich seit Monaten einen neuen Blogartikel schreiben möchte, es mir aber zwischen den Arbeiten an meinem eigenen Manuskript und einigen Reisen schwer fiel, die Zeit dafür zu finden. Mehr zu meinen Reisen könnt ihr übrigens auf Facebook und Instagram erfahren.

Ursprünglich wollte ich über Steve Tesich schreiben oder aber auch über Bret Easton Ellis' Erstling. Sowohl Ein letzter Sommer als auch Unter Null haben mir in meiner Jugendzeit unglaublich viel bedeutet und in den letzten Monaten war mein Leseverhalten ohnehin recht nostalgisch. Ich möchte eigentlich gar nicht zu weit abschweifen, aber die ersten vier Harry Potter Bücher sind noch genauso gut, wie ich sie in Erinnerung hatte. Außerdem habe ich wieder Bukowski gelesen – es hat mich aber nicht mehr so gepackt wie früher – und auch On The Road von Jack Kerouac, eines meiner absoluten Lieblingsbücher, das ich neulich in der ungekürzten Fassung mit den originalen Figurennamen erstanden habe, und jetzt habe ich gerade das Gefühl, ich betreibe Namedropping... Buchtiteldropping...? Das kommt wohl davon, wenn man seinen Blog nicht ausreichend pflegt. Worauf ich eigentlich hinauswill, ist, dass auch ein Sachtext sich besser mit Inspiration schreiben lässt und so sehr ich Ellis und Tesich schätze – und ich werde die beiden auf jeden Fall noch vorstellen –, die Inspiration für einen Artikel wollte nicht kommen. Doch dann las ich 1984. Ich war zu dem Zeitpunkt in Glasgow, es hat furchtbar geregnet und der West Highland Way hatte meine Füße temporär unbrauchbar werden lassen. Mein kompletter Lesevorrat war bis auf 1984 aufgebraucht und das will was heißen, denn mein Rucksack war zur Hälfte mit Büchern gefüllt. (Darf man das als eBook-Autor überhaupt sagen?)

 

Das Cover von 1984.
Das Cover von 1984.

1984 hatte ich mir irgendwann mit dem Hintergedanken „Eigentlich mag ich kein Sci-Fi, aber ich glaube, das muss man gelesen haben“ gekauft. Doch genau wie alle anderen Bücher, die man gelesen haben sollte, verstaubte auch 1984 in meinem überfüllten Bücherregal. Kurz vor dem Abflug nach Schottland stopfte ich es dann als Füller in den Rucksack, wo es verblieb, bis kurz vor der Abreise von Schottland nach Spanien. Um so viel vorwegzunehmen: Es ließ mich nicht wieder los. Ich begann den Roman auf einem Dachboden in Glasgow und las bis spät in die Nacht und am nächsten Morgen direkt weiter. Ich pausierte bloß, um mir panisch zu überlegen, wie ich von Glasgow nach Edinburgh kommen sollte, da mein Flieger anscheinend dort starten sollte, und sobald ich es keuchend in den Flieger geschafft hatte, las ich weiter. Ein zweites Mal las ich das Buch auf dem Rückweg von Spanien nach Deutschland und war immer noch gefesselt. Nun aber genug der Backstory, weiter geht`s mit dem Inhalt dieses Kultbuchs.

Der Aufbau der Dystopie

 

Zur tatsächlichen Geschichte und der Welt, in der 1984 spielt, möchte ich inhaltlich nicht viel mehr verraten, als ich es in der Einleitung getan habe. Nur so viel zur Einordnung: Orwells Schreckensvision der Zukunft, beziehungsweise unserer Vergangenheit, ist detailgetreu, durchdacht und wirklich faszinierend.

Der Beginn des Buches, in dem der Stil recht gut erkennbar ist. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir sehr leicht, auch wenn ich mich an die Neusprech-Wörter (s.u.) gewöhnen musste.
Der Beginn des Buches, in dem der Stil recht gut erkennbar ist. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir sehr leicht, auch wenn ich mich an die Neusprech-Wörter (s.u.) gewöhnen musste.

Was man vor dem Kauf wissen muss, ist, dass 1984 nicht dem entspricht, was sich so manch einer vielleicht unter einem Roman vorstellt. Hauptsächliches Thema ist nicht Winstons Kampf um eine freie Meinung und ein freies Leben, sondern die Welt des Jahres 1984. Dementsprechend setzen sich viele Passagen im Stile eines Sachbuches mit dieser Welt auseinander und es sind auch regelmäßig mehrseitige philosophische Betrachtungen der Mechanismen dieser Welt enthalten. Oft wirkt Winstons Geschichte – so fesselnd sie auch ist – mehr wie Beiwerk. Mich hat es nicht gestört, im Gegenteil: Gerade diese Szenen haben mich fasziniert. Und das will was heißen, denn mir sind Charaktere in der Regel wichtiger als Plot und Worldbuilding. Trotzdem mag der Aufbau auf einige Leser abschreckend wirken.

 

 

Den Schreibstil habe ich als schlicht und zweckmäßig empfunden, was zum einen den Inhalt hervorhebt und zum anderen auch zu der kühlen Welt passt. Konträr dazu stehen einige Formulierungen, die schon fast kindlich wirken. Dieser Kontrast hat für mich einen großen Reiz ausgemacht. Einige Botschaften und Schlagwörter sind meines Erachtens nicht optimal ins Deutsche übersetzt worden, ein paar Formulierungen wirken vielleicht etwas altbacken, doch im Allgemeinen ist der Stil als zeitlos zu bezeichnen, was sehr gut zur Botschaft und der Thematik des Buches passt. Der Stil hat mir insofern so gut gefallen, dass er unauffällig ist und wenn er doch mal aufgefallen ist, dann eher positiv. Zumindest aus heutiger Sicht wurden hier keine Revolutionen gewagt, weswegen ich denjenigen widersprechen würde, die Orwell als großen Stilisten darstellen – und da gibt es ja durchaus einige.

Erläuterungen zum Neusprech im Anhang des Romans.
Erläuterungen zum Neusprech im Anhang des Romans.

Vielleicht rühren diese Fans von Orwells Stil aber gar nicht von der erzählenden Sprache her, sondern vom Neusprech – und da bin ich ganz derer Meinung. Doch was ist Neusprech überhaupt?

 

In der Welt von 1984 möchte das Regime das Denken revolutionärer Ansätze bereits im Keim ersticken. Das Mittel der Wahl ist die Etablierung einer neuen Sprache – des sogenannte Neusprech –, welche viele Bedeutungsbereiche nicht mehr abdeckt. So existiert das Wort frei zwar noch, aber nur in dem Sinne, dass ein Haus beispielsweise frei von Schimmel ist; nicht in der Hinsicht, dass ein Mensch oder ein Gedanke frei sein kann. Auch gibt es eigene Grammatikregeln und die meisten Worte sehen anders aus; verknappt, abgehackt und klar definiert. Das Sprechen ohne Nachdenken wird so sehr einfach (Herrlich, was?), doch mit dieser eingeschränkten Art sich zu äußern geht einher, dass komplexe Sachverhalte, die über die Denkweise des Regimes hinausgehen, kaum zu formulieren sind. So simpel es auf den ersten Blick wirkt, so komplex ist der Hintergrund des Neusprechs. Als Beispiel nehmen wir das Wort Deldenk, was als Gedankendelikt zu übersetzen wäre und auf jede Denkweise, die konträr zum Regime steht, anzuwenden ist. Das bloße Denken ist dort also eine Straftat und da der Staat nun einmal nicht wissen kann, was ein Mensch denkt, reicht ein trauriger Gesichtsausdruck zur falschen Zeit, um verhaftet zu werden. Überall – auch in den Wohnungen – befinden sich Kameras und Mikrofone, was jede Revolution und jeden revolutionären Gedanken unterbinden soll. Für dieses bestialische Vorgehen wird also das unschuldige Wort Deldenk etabliert, was als Abkürzung ja schon fast niedlich klingt. Der Begriff klingt so unschuldig, dass er auch im Alltag problemlos verwendet werden kann: Er drückt klar aus, was man nicht tun darf, ohne auf sprachlicher Ebene direkt die Perfidität dahinter zu enthüllen. Im Anhang meiner Ausgabe des Buches befindet sich ein Artikel zum Neusprech, den zu lesen ich vor der Lektüre des Romans empfehlen würde, da dann vieles verständlicher ist. Ich muss gestehen, dass ich seit dem Herrn der Ringe ein totaler Fan solcher selbst entwickelter Sprachen bin, sofern sie denn tatsächlich einen durchdachten Hintergrund haben. Das Neusprech kann zwar aus rein sprachlicher Sicht nicht mit dem komplexen und hintergründigen Elbisch Tolkiens mithalten, doch es ist in seiner bewussten Schlichtheit durchaus als durchdacht zu bezeichnen. Es passt perfekt in die Welt von 1984.

Big Brother is watching you

 

Nun kommen wir zu dem Punkt, an dem sich die Geister scheiden; der Relevanz von Orwells 1984. Die einen tun es also Verschwörungstheorie ab und scherzen „So schlimm waren die echten Achtziger nicht“, andere hingegen sehen es auch heute noch als verfrühte, aber korrekte Zukunftsprognose. Ich muss gestehen, dass ich hier etwas zwischen den Stühlen sitze. Zum einen ist 1984 gentretechnisch zweifellos eine Dystopie mit warnendem Charakter vor möglichen zukünftigen Entwicklungen, zum anderen behandelt es aber auch in größerem Maße Orwells Vergangenheit und Gegenwart, als gemeinhin angenommen wird. Auf vielen Ebenen gibt es Parallelen, Metaphern und Allegorien zum Sozialismus, aber auch zu Institutionen, die Nazi-Deutschland zuzuordnen sind; beispielsweise die Gedankenpolizei als Ebenbild der Gestapo. Diese Parallele wird recht oft gezogen und ist meiner Meinung nach auch einigermaßen passend, wenn man bedenkt, dass Orwell die Arbeit an 1984 direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann. Passender wäre allerdings eher ein Vergleich mit der Stasi – und da sind wir schon beim Thema. Orwell hat beispielsweise in diesem Punkt eine sehr genaue Vorhersage getroffen, wie die negativen Auswirkungen des Sozialismus aussehen können. Wieso das so bemerkenswert ist? Weil 1984 lange vor der Zeit der Abschottung der DDR und den Höhepunkten des Kalten Krieges geschrieben wurde.

Ich, als mir mein Handy herunterfiel.
Ich, als mir mein Handy herunterfiel.

Zunächst einmal muss etwas Allgemeines festgestellt werden: 1984 ist in erster Linie eine politische und gesellschaftliche Dystopie, in der Orwell seine Enttäuschung vom Sozialismus verarbeitet, und keine technische – oder war zumindest nicht in erster Linie als solche gedacht. Klar, die Bevölkerung in Ozeanien wird jederzeit von Kameras überwacht und dafür ist die unmoralische Verwendung der Technik unmittelbar verantwortlich. Das Werk legt auch durchaus den Grundstein dafür, über die Verwendung von Überwachungstechnik genauer nachzudenken. Aber meiner Meinung nach wird sogar sehr klar dargestellt, dass dieser Missbrauch des technischen Fortschritts nicht der Problemherd, sondern ein schreckliches Symptom ist, das nur insofern ursächlich ist, als dass es einen politischen Richtungswechsel erschwert. Tatsächlich scheint es dem Protagonisten auszureichen, in den eigenen vier Wänden unbeobachtet zu sein. Diese Einstellung ist per se natürlich in erster Linie dem Background der Figur zuzurechnen, doch auf eine weitere Ausführung der Überwachungsthematik wird weitgehend verzichtet. Das sagt einiges aus über ein Buch, in dem jedwede Kritik des Autors offen geäußert und ausführlich erklärt wird. Die Überwachung der Bevölkerung ist durchaus ein wichtiges Handlungselement und hat eine Warnfunktion, doch die Lektüre macht klar, wo der tatsächliche Fokus des Buches liegt. Nämlich auf der gesellschaftlichen und politischen Kritik. Der Bedeutungsschwerpunkt „Kritik des technischen Fortschritts als Wegbereiter des Überwachungsstaates“ wurde 1984 erst nachträglich unterstellt. Das heißt aber nicht, dass man als engagierter Datenschützer 1984 nicht als Referenz heranziehen darf; zum Beispiel, wenn es darum geht, ein Bild der Gefahren zu zeichnen, die von einer Sicherheitspolitik ausgehen, die zu viele Kameras im öffentlichen Raum zu verantworten hat. Genauso wenig, wenn es darum geht, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass wir in Form unserer Smartphones jederzeit Kamera und Mikrofon mit uns herumtragen - und das freiwillig.

 

Wegen dieser Bedeutungsverschiebung in der öffentlichen Wahrnehmung von 1984 ist es schwierig, eine allgemeingültige Aussage über die Relevanz von Orwells bekanntestem Werk zu treffen. Wir können uns zumindest über den großen kulturellen Einfluss einigen: Clockwork Orange, Bioshock oder auch die beste Show, die das Fernsehen derzeit zu bieten hat, Big Brother, gäbe es nicht oder nicht in der Form, wenn es 1984 nicht gegeben hätte.

 

1984 ist mehr Kind seiner Zeit, als viele Menschen denken. Es ist als Warnung und nicht als Vorhersage konzipiert. Als Warnung vor dem Sozialismus, als Warnung vor der Gehirnwäsche und als Warnung vor der Diktatur, vor allem der selbstgewählten. Insofern muss 1984 nicht richtig gelegen haben, um relevant zu sein, und ich glaube, dabei kann man es belassen – zumindest soweit es um ein Werturteil geht. Doch ist der warnende Charakter heute noch von Bedeutung? Der Realsozialismus ist kein großes Thema mehr; es gibt genug Nachrichtenkanäle, zwischen denen man wählen kann; und zumindest ich habe nicht das Gefühl, in einer heimlichen Diktatur zu leben. Trotzdem sollten Orwells Intentionen nicht vergessen werden, denn etwas blieb nach der Lektüre. Das Gefühl, dass 1984 für mich in der heutigen Zeit eine größere Bedeutung hat, als es von Orwell geplant gewesen sein mochte, und das gar nicht mal wegen der Themen Datenschutz und Bürgerüberwachung. Ich brauchte eine Weile, um dieses Gefühl einzuordnen, aber ich glaube es bezieht sich auf das eine Thema, mit dem 1984 sich auseinandersetzt, das Thema, das mir in den Sinn kommt, wenn ich 1984 in einer Phrase zusammenfassen müsste: Gelebte Freiheit.

Josef Joffe
Josef Joffe

Im Ozeanien des Jahres 1984 gibt es keine Gesetze, nichts ist verboten, doch trotzdem sind die Menschen nicht frei. Wieso bewegt mich dieses Thema so sehr? Vielleicht aufgrund der momentanen Nachrichtensituation. Vielleicht auch wegen des Umgangs mit dieser Situation. Politiker, Journalisten und nun auch vermehrt „normale“ Bürger werfen in der Öffentlichkeit mit Begriffen um sich, die in ihrer Definition schwammig, aber in der Aussage sehr hart sind. Es geht um Begriffe wie Fakenews, alternative Fakten und Lügenpresse. Begriffe, hinter denen sich alles verbergen kann; von Qualitätsjournalismus über tatsächlich schlechte bis hin zu bewusst falscher Berichterstattung, welche die öffentliche Meinung formen soll. Doch inwiefern schränkt diese Situation die gelebte Freiheit ein? Wir können uns doch aussuchen, was wir lesen; aussuchen, was wir glauben; und vor allem aussuchen, was wir sagen und tun. Wir können ganz differenziert, ganz ehrlich unsere ganz eigene Meinung sagen; und selbstverständlich tun wir das. Oder etwa nicht? Könnte es sein, dass sich gelebte Freiheit und gesellschaftliche Akzeptanz gegenseitig bedingen? Ich möchte mit einem Zitat im Zitat schließen, einem Ende wie eine Matrjoschka-Puppe. Es gibt jemanden, der das, was ich sagen möchte, auf den Punkt bringt – besser, als ich es gekonnt hätte –, nämlich Josef Joffe von der ZEIT, der seinerseits den französischen Publizisten Alexis de Tocqueville zitiert: Die Arbeit der Gedankenpolizei leiste die Demokratie selber, indem sie die „richtige“ Geisteshaltung oktroyiert, schrieb der hellsichtige Franzose vor 180 Jahren. „Die Mehrheit umringt die Meinungsfreiheit mit einer hochragenden Mauer." Drinnen könne einer alles sagen, aber wehe, wenn er ausbricht. „Ihm droht zwar nicht der Scheiterhaufen, aber doch die Verachtung.“

Fazit

 

Die schlechte Nachricht zuerst: 1984, einer der erfolgreichsten Longseller, lässt sich nicht in einem Satz zusammenfassen, ist zu sperrig für eine Inhaltsangabe und liest sich teils wie ein Sachbuch. Was sagt uns das und wieso lässt das mich als Schriftsteller meckern? Richtig, George Orwell hätte heutzutage keinen Verlag gefunden. Manchmal habe ich das Gefühl, die Verlagswelt traue den Lesern zu wenig zu. Nicht jedes Buch muss gleich sein, um spannend zu sein. Ist zwischen dem ohrenabschneidenden Serienkiller, dem witzig-volksnahen Sachbuch und der Biografie des nächsten Profifußballers nicht vielleicht noch Platz für ein bisschen Mut und etwas Neues?

 

Um es kurz zu machen (Ich fürchte, nach dem Artikel ist es dafür zu spät): In Sachen Bedeutung ist 1984 eine Wucht von einem Roman. Ferner ist es unglaublich hintergründig und intelligent geschrieben. Doch auch die Geschichte um den Protagonisten Winston Smith ist nicht zu vernachlässigen und habe ich als sehr spannend empfunden. Ich habe mit den Charakteren zu jedem Zeitpunkt mitgefiebert. Ich kann jedem empfehlen, dem Buch eine Chance zu geben.

 3 Fakten zum Autor George Orwell

Leben und Tod

 

George Orwell (* 25. Juni 1903 in Britisch-Indien als Eric Arthur Blair; † 21. Januar 1950 in London) arbeitete als Kolonialpolizist in Birma und kämpfte im spanischen Bürgerkrieg, bevor er als Journalist und Schriftsteller zu arbeiten begann. Er litt seit seiner Kindheit an Tuberkulose; die starken Beschwerden, denen er schließlich erlag, setzten aber erst etwa zehn Jahre vor seinem Tod ein. Ein Jahre vor seinem Tod war er bereits bettlägerig und heiratete auf dem Sterbebett seine große Liebe, die fünfzehn Jahre jüngere Sonia Brownell.

 

Politische Einstellung

 

George Orwell war überzeugter Sozialist und sprach sich mehrfach dafür aus, dass der demokratische Sozialismus die einzige zukunftsträchtige Staatsform sei. Aufgrund der damaligen politischen Situation sorgte diese Meinung in der westlichen Welt für Furore und wurde als widersprüchlich zu Orwells literarischem Werk angesehen – immerhin steht die dystopische Welt von 1984 unter einem sozialistischen Regime. Tatsächlich hielt Orwell den Realsozialismus zu seiner Zeit für falsch und die Enttäuschung über die seiner Meinung nach mangelhafte Umsetzung der richtigen Ideale führte zur Arbeit an 1984. Insofern unterscheidet sich seine Definition des Sozialismus von den politischen Systemen aller realsozialistisch regierten Ländern. Viele negative Kommentare zu Orwells politischer Einstellung rührten deswegen daher, dass die entsprechenden Kritiker seine Einstellung nicht richtig verstanden. Für sie war der Sozialismus grundsätzlich „falsch“, weshalb sie nicht zwischen verschiedenen Unterarten und möglichen Umsetzungen differenzierten.

Andere Werke

 

Orwell veröffentlichte seit 1933 zehn Bücher, hatte seinen Durchbruch jedoch erst 1944 mit Farm der Tiere, einer dystopischen Fabel, die bis heute sein zweitbekanntestes Werk ist. Darin geht es um einen englischen Bauernhof, auf dem die verschiedene Tierrassen das von Orwell unterstellte Klassensystem der realen Gesellschaftsordnung repräsentieren. Von den sieben Geboten über eine Rebellion der Hennen, die ihre eigenen Eier zerbrechen bis hin zu dem Leitsatz „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicherliest sich das Buch wie eine Parodie auf die Geschichte der Menschheit. Das Buch wird oft so interpretiert, dass Orwell in Form der Parabel Stalin den Verrat der sozialistischen Ideale vorwirft. Mir persönlich war die Kritik zu vordergründig und das Buch wirkte auf mich im Allgemeinen sehr belehrend. Außerdem fehlte mir eine fesselnde Handlung wie in 1984, bei der man tatsächlich mit den Figuren mitfiebert.

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