Der talentierte Mr. Ripley

[Quelle: amazon.de]
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Tom Ripley ist 25 Jahre alt und bereits mehrfach gescheitert. Der Traum davon, Schauspieler zu werden, ist ausgeträumt – nun lebt er von den Almosen seiner Tante im Keller eines Freundes, der ihn eigentlich kaum ausstehen kann. Als sich dann die Möglichkeit ergibt, auf Kosten eines reichen Reeders nach Italien zu reisen, um dessen Sohn Dickie Greenleaf dazu zu überreden, zurück nach Amerika zu kommen, muss Tom nicht zweimal überlegen. Im verschlafenen Küstenstädtchen Monigbello angekommen, tun sich erste Komplikationen auf und wollen nicht weniger werden.

 

 

 

Währenddessen beginnt Tom, sich an das geruhsame Leben des Millionärssohns Dickie in Europa zu gewöhnen: Zwischen einem guten Mittagessen und der Malerei gibt es immer genug Zeit für ein paar Stunden am Strand. Als es zwischen Tom und Dicke zum Zerwürfnis kommt und Tom seinen jüngst erworbenen Lebensstandard gefährdet sieht, entschließt er sich kurzerhand, Dickie umzubringen und dessen Identität anzunehmen.

 

Wer ist Mr. Ripley?

So beginnt ein mitreißender Klassiker der Spannungsliteratur, der Toms Weg mit all seinen persönlichen Ängsten und Zweifeln und den Gefahren detailliert erzählt. In Tom habe ich zum einen einen sehr empfindsamen jungen Mann gesehen, der viele Träume hat und sein bisheriges Scheitern vor allem seinem Geburts- und seinem Kontostand zuschreibt. Ich mag aktive und intelligente Protagonisten – wer tut das nicht? –, finde diese aber zu selten, da es für einen Schriftsteller natürlich einfacher ist, Konflikte durch einen etwas beschränkten Hauptcharakter zu provozieren, statt jede Situation zu durchdenken und die eigenen Charaktere tatsächlich jederzeit ihr Bestes tun zu lassen. Zum anderen hat Tom aber noch eine andere Seite, die keine Gesetze und Moral kennt und es ihm ermöglicht, ohne Skrupel zu morden. Hier entstand für mich die Spannung.

 

Man erfährt im Laufe des Buches so einiges über Toms Innenleben und kann sich aufgrund seiner in Bruckstücken sehr ausgeprägten Empathie und aufgrund dessen, dass er selbst zunächst recht sympathisch erscheint (bis auf die Sache mit dem Mord natürlich), gut in ihn hineinfühlen. Diese Charaktereigenschaften nutzt Highsmith, um im Laufe des Buches einen umso menschlicheren Charakter zu formen. So werden zutiefst menschliche Gefühle, die jeder von uns schon einmal empfunden hat – Neid, Missgunst, grundlose Wut, aber auch Bewunderung – auf die Spitze getrieben. Tom eifert Dickie zu Beginn des Buches extrem nach und wünscht sich, dessen Leben leben zu können. Dieser Eifer geht so weit, dass Dickie Tom schließlich dabei erwischt, wie dieser seine Kleider trägt und vor dem Spiegel so tut, als wäre er Dickie. Umso größer ist Toms Enttäuschung, als Dickie beginnt, sich von ihm abzuwenden und zu ignorieren. Zum Zeitpunkt des berühmten Mordes auf der Segelyacht habe ich für Tom in erster Linie Sympathie empfunden, da er den Mord nicht aus Habgier begeht, wie man zunächst vielleicht denken mag, sondern in erster Linie deswegen, weil er trotz seiner nahezu kindlichen Bewunderung für Dickie durch dessen Zurückweisung tief verletzt wurde. Hier liegt auch eine der großen Stärken des Romans: Im Charakter des Tom Ripley selbst, der unglaublich tiefschürfend und facettenreich beschrieben wird. Ebenfalls faszinierend finde ich – gerade unter Berücksichtigung des Erscheinungsjahres – Toms offen dargestellte Asexualität, die zu einer Zeit, in der es nur „normal“ und „schwul“ (= Ächtung) gab, etwas Besonderes war. Die jetzige Transgender-Debatten geben dieser Tatsache sogar etwas mehr Relevanz.

 

Ischia Ponte, eines der Vorbilder für das fiktive Küstenstädtchen Mongibello am Fuße des Ätna. [Quelle: filmtourismus.de, © Andrea David]
Ischia Ponte, eines der Vorbilder für das fiktive Küstenstädtchen Mongibello am Fuße des Ätna. [Quelle: filmtourismus.de, © Andrea David]

Auch die malerischen Kulissen haben zum Erfolg des Buches beigetragen, ich persönlich bin aber kein Typ, dem so etwas viel bedeutet – trotzdem nett. Die Handlung kreist eigentlich zu jedem Zeitpunkt um Tom Ripley selbst und ich habe diese als realistisch und spannend erlebt. Der berühmte Mord geschieht noch im ersten Drittel des Buches und man fiebert diesem von Beginn an entgegen, danach wird auch über die Handlung sehr viel Spannung aufgebaut. Denn natürlich bleiben weder die Polizei noch Dickies Eltern untätig, während Tom sich als ihr Sohn ausgibt und ein weiterer Mord die Aufmerksamkeit der Presse auf sich zieht.

 

Was bleibt?

Sehr interessant wird es, wenn man Buch und Titel auf die Metaebene bringt, denn dann entfaltet das Buch gerade heutzutage, wo die „Leb deinen Traum“-Mentalität einer erschreckenden Jugendarbeitslosigkeit in vielen Industriestaaten gegenübersteht, seine Bedeutungskraft. Ist es falsch, sich zu nehmen, was man will, wenn man von Geburt an benachteiligt wurde? Ist es fair, dass es Menschen gibt, die so reich geboren werden, dass sie niemals einer Arbeit nachgehen müssen werden? Was tun, wenn man unglaublich talentiert im Lügen und Betrügen ist – sollte man dieses Talent nutzen? Und wenn es das eigene Talent ist, mit mehreren Morden davon zu kommen – wer hindert einen daran? Letztlich läuft es darauf hinaus: Was ist überhaupt Moral?

 

Mein Fazit

Ich stelle mir Der talentierte Mr. Ripley gerne ins Regal meiner Lieblingsbücher, denn obwohl es sich um Spannungsliteratur handelt, ist der Roman letztlich ganz große Literatur und hat die Figur des genialen und eigentlich recht sympathischen Kapitalverbrechers nachhaltig geprägt. Zwischen all den Super-Profilern, Hackern und Rambos moderner Thriller empfinde ich es als großartig, einen Protagonisten kennenzulernen, dessen Talent ich tatsächlich miterleben und nachvollziehen kann. Deswegen gibt es von mir eine uneingeschränkte Empfehlung für den trickreichsten und charmantesten Mörder seit 1955.

3 Fakten zu Der talentierte Mr. Ripley

[Quelle: lessthanamegabyte.wordpress.com]
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1. Die Autorin

 

Patricia Highsmith, geboren 1921 in Texas, verbrachte den Großteil ihres Lebens in verschiedenen europäischen Städten. Zu Beginn ihrer Karriere schrieb sie in allen erdenklichen Genres und wurde schließlich mit dem Krimi Zwei Fremde im Zug und der anschließenden Verfilmung von Hitchcock weltberühmt.

 

 

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2. Verfilmungen & Folgeromane

 

Der talentierte Mr Ripley wurde zwei Mal verfilmt. Erstmalig 1960 mit Alain Delon als Tom RIpley, am bekanntesten ist jedoch die Version von 1999 mit Matt Damon und Jude Law in den Hauptrollen. Zum Roman gibt es außerdem vier Fortsetzungen, die allesamt erst in den 1970ern erschienen und in meinen Augen die Idee des Erstlings stringent und erfolgreich weiterverfolgen.

 

 

Originalcover von 1955
Originalcover von 1955

3. Die Titelvielfalt

 

Der erste Titel des Manuskripts lautete Month of Sundays und bezieht sich damit auf das stressfreie und paradiesische Leben, das Dickie Greenleaf lebt und das Tom Ripley anstrebt. In der Rohfassung des in nur 6 Monaten entstandenen Romans ging es zunächst um einen Schmugglerring, doch Highsmith fand die Beziehung zwischen Ripley und Greenleaf letztlich reizvoller. In Deutschland erschien das Buch erst unter dem Titel Nur die Sonne war Zeuge.

 

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