Galveston

[Quelle: amazon.de]
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Roy Cady hat Lungenkrebs. Als ihm diese Diagnose gestellt wird, verlässt er augenblicklich das Behandlungszimmer, steckt sich eine Zigarette an und geht zurück zur Arbeit. Sein Boss hört auf den Namen Stan Ptitko und steckt tief im kriminellen Milieu von New Orleans. Roy ist seit seiner Jugend Laufbursche und Killer für Typen wie Ptitko, hatte allerdings nie Ambitionen aufzusteigen. Das letzte Jahrzehnt verbrachte er irgendwo zwischen Lethargie und Depression damit, tagsüber zu töten und nachts aus leeren Bierdosen Soldaten zu basteln. Wer jetzt denkt „Moment, das kenne ich doch irgendwoher!“, der hat Recht. Doch dazu später mehr.

 

Zum Plot

Stan Ptitko hat einen neuen Auftrag für Roy, der sich allerdings schnell als Falle entpuppt. Scheinbar will Ptitko ihn loswerden. Roy wird zusammen mit der Teenager-Prostituierten Racquel „Rocky“ Benoit gefangen genommen und soll exekutiert werden. Dabei ist er sebst das Ziel des Anschlags gewesen, während Rocky als eine Art Kollateralschaden zwecks Zeugenbeseitigung ebenfalls sterben soll. Roy rettet die beiden in einer total überzogenen Actionsequenz – diese ist so abgedroschen, dass sie schon fast wieder gut ist. Allerdings nur fast, denn hier haben wir meinen einzigen Kritikpunkt am Buch. Ansonsten zeigt Galveston nämlich, dass nicht jedes Buch, in dem es um harte Typen geht, auch zeigen muss wie hart diese sind. Es ist doch viel spannender, hinter die Fassade zu schauen. Ab diesem Punkt in der Geschichte schafft Autor Nic Pizzolatto das aber auch uneingeschränkt.

New Orleans [Quelle: cdn.gearpatrol.com]
New Orleans [Quelle: cdn.gearpatrol.com]

 

Wie geht es weiter? Roy muss fliehen und nimmt widerwillig Rocky mit. Hierbei stellt sich der todkranke Roy die Frage, die sich jeder stellen würde, dem Lungenkrebs mit geringen Aussichten auf Heilung diagnostizierte wurde und auf den die Unterwelt von New Orleans ein Kopfgeld ausgesetzt hat: Warum fliehen? Er tut es trotzdem und der Leser vermutet natürlich, dass er es um Rockys Willen tut. Diese spielt allerdings nicht mit offenen Karten und treibt Roy das eine oder andere Mal zur Verzweiflung. Wie auch immer, die beiden überlegen, wohin mit ihnen. Roy schlägt die Hafenstadt Galveston im Südosten Texas' vor und da sie so gut wie jede andere Stadt ist, willigt Rocky ein und die beiden machen sich auf dem Weg. Natürlich möchte der Leser aber wissen: Wieso Galveston?

 

Eine zweite Zeitlinie, deren Ereignisse abwechselnd zu Rockys und Roys Geschichte erzählt werden, zeigt den körperlich entstellen Roy zwanzig Jahre später, dem die Vergangenheit schwer zu schaffen macht. Hier werde ich allerdings nicht weiter ins Detail gehen.

 

Wer ist der Protagonist?

Roy lebt in der Vergangenheit, allerdings zu Beginn des Romans nur in einer Hand voll Erinnerungen. Der Rest kommt teilweise später ans Tageslicht, teilweise aber auch gar nicht, und obwohl man eigentlich recht viel über Roy erfährt, hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass seine Geschichte entweder mit dem Flutlichtscheinwerfer oder gar nicht beleuchtet wird. Doch gerade das macht im Verlauf des Buches den großen Reiz aus. Essentiell ist dabei die Frage, ob der Detailgrad einer Erinnerung sie wahrer werden lässt: Roys Erinnerungen wirken verklärt und er hat sich die schönen Geschichten über die Jahre so oft selbst erzählt, dass man sich ab einem gewissen Punkt fragt, wie viel sie noch mit der Realtiät zu tun haben. Doch auch hierauf liefert das Buch Antworten.

 

Einige dieser Erinnerungen werden nur ein Mal angesprochen, andere mehrmals, doch eine dominiert das gesamte erste Drittel des Buches: Der Urlaub mit einem Mädchen namens Lorraine am Strand von Galveston. Die beiden essen, trinken, vögeln – doch letztlich scheint sie weit mehr zu verbinden als das. Hier setzte für mich erst die Spannung ein. Während die harte Actionszene, in der Roy Rocky rettet, und auch die ganze Mafia-Sache mit einem „Aha“ an mir vorbeigingen, wollte ich ab dem ersten Rückblick wissen: Wer ist Lorraine? Wo ist sie jetzt? Was ist zwischen den beiden damals vorgefallen?

 

Literatur: ja, nein, vielleicht?

[Quelle: thrillist.com]
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 Wer es noch nicht gemerkt hat: Galveston ist weder Krimi noch Thriller, sondern ein Roman. Zwar geht es um einen harten Auftragskiller und eine gebeutelte Teenager-Prostituierte, aber Klischees werden selten bedient. Die Sprache ist großartig und die Beschreibungen der Szenerie in Galveston vom saphirblauen Wasser bis zum orangeroten Sonnenuntergang genial. Hier liegt eine der großen Stärken von Nic Pizzolatto, der dank dieser gelungenen Beschreibungen die perfekte Illusion schafft. Nach der Lektüre hatte ich das Gefühl, selbst am Strand von Galveston gewesen zu sein – mit Lorraine, Rocky oder mit wem eigentlich? – und mir nicht mehr sicher zu sein, welche Erinnerung Realität und welche Fiktion war.

 

Etwas irreführend ist das Cover, das auf einen 08/15-Thriller schließen lässt. Auch die deutsche Übersetzung ist auf der Skala von eins bis zehn eher ein „Naja“. Oftmals werden Redewendungen eins zu eins aus dem US-amerikanischen übersetzt, was im Deutschen dann gar keinen Sinn ergibt. Das Lektorat wird sich hier wohl gedacht haben: „Wird schon seine Richtigkeit haben.“ Dem entgegenhalten muss man allerdings, dass für die komplexen Szenerie- und Gefühlsbeschreibungen meist sehr gute deutschsprachige Äquivalente gefunden wurden, die den Originalen in nichts nachstehen.

 

Ich habe sowohl das englischsprachige Original als auch die deutsche Verison gelesen, empfehle wegen all der Südstaaten-Redewendungen, des Slangs und der Eigenheiten auch erfahrenen englischsprachigen Lesern die deutsche Version, da das Original frustrierend werden kann. Für einen zweiten Durchgang kann aber gerne auf das Original zurückgegriffen werden.

 

Fazit

Ja, ich bin hellauf begeistert von Galveston und hoffe, Nic Pizzolatto verspürt nach der ganzen Hollywoodsache, in der er momentan steckt, nochmal die Lust darauf, sich ein paar Jahre hinzusetzen und einen Roman zu schreiben. Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich derart mitgenommen hat und bei dem die Immersion so stark war. Pizzolatto  erzählt nicht nur in zwei Zeiten, wie man zuerst denken mag, sondern letztlich in vielen Zeiten, da jede (!) Rückblende denselben Sog innehat wie die eigentliche Geschichte. Hier wird der ganz große Bogen über zig Jahre und Lebensphasen gespannt. Dabei wirkt die Erzählung durchweg stimmig und an keiner Stelle konstruiert – hier können sich viele deutsche Schriftsteller eine Scheibe von abschneiden. Das Ende kommt überraschend, auch wenn ich schon eine dunkle Vorahnung hatte. Beim letzten Kapitel besteht dann definitive Tränengefahr.

 

Auf dem Cover klebte beim Kauf ein Sticker mit einem Zitat des Spiegels: „Große Literatur.“

Der Spiegel hatte Recht. Das Buch wird hochemotional erzählt und schafft es, dass das Gefühl der Zeitraffer und die dringend notwendigen Moralfragen und das essentielle „Musste es so kommen? Was hätte geschehen müssen, damit es anders ausgeht?“ im Kopf des Lesers aufkeimen, ohne dass es der Autor mit dem Holzhammer im Buch tun muss. Uneingeschränkte Leseempfehlung.

3 Fakten zu Galveston

[Quelle: enstarz.com]
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Der Autor

 

Nic Pizzolatto wurde am 18.10.1975 in New Orleans geboren. Nach einem Englisch- und Philosophiestudium wurde er Hochschullehrer, schrieb und veröffentlichte privat aber währenddessen bereits erste Kurzgeschichten. Nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans Galveston 2010 und dem anschließenden Erfolg, begann er mit dem Schreiben von Drehbüchern. Zunächst schrieb er zwei Episoden der Fernsehserie The Killing, bevor er seine Idee zu True Detective an HBO verkaufte und beide Staffeln schrieb. Inzwischen arbeitet er hauptberuflich als Drehbuchautor.

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True Detective

 

Bekanntheit erlangte Nic Pizzolatto in erster Linie durch die Anthologieserie True Detective. Die ausgefeilte Story in Kombination mit einer absoluten Traumbesetzung (Matthew McConaughey, Woody Harrelson, Colin Farrell, Vince Vaughn uvm.) wurde fünfmal für den Emmy und viermal für den Golden Globe Award nominiert.

 

In der ersten Staffel jagen Matthew McConaughey und Woody Harrelson einen Serienkiller im tiefsten amerikanischen Süden. Großartige und hochgradig spannende Serie!

 

Aus der Serie stammt im Übrigen auch die Bierdosenbasteleien, die im Buch Galveston vorkommen. Abgesehen davon gibt es diverse andere Szenen, in denen man als Leser ein Déjà-vu hat.

Der Schauplatz: Galveston

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