Rote Ernte

Cover der Ausgabe vom Diogenes Verlag [Quelle: amazon.de]
Cover der Ausgabe vom Diogenes Verlag [Quelle: amazon.de]

Zum Inhalt

 

Ein namenloser Privatermittler wird nach Peaceville, eine gleichsam trostlose und fiktive Stadt in den USA, gerufen: Der Sohn des einflussreichsten Mannes der Stadt wurde getötet und nun soll der Protagonist ermitteln. Schnell wird ihm klar, dass es in Peaceville weder Recht noch Ordnung gibt. Hier herrschen Gier und Korruption. Der Continental-Op, wie der Protagonist genannt wird, entschließt sich zur Säuberung der Stadt. Hierfür spielt er die rivalisierenden Gangs geschickt gegeneinander aus und lässt die Geschichte in einem wahren Blutbad gipfeln.

 

Was macht dieses Buch so besonders?

 

Rote Ernte ist ein Buch, das mich stark bewegt hat, als ich es zum ersten Mal gelesen habe. Das Buch ist in Thrillerjahren gemessen uralt – wobei die Thrillersparte als Tin Pan Alley der Unterhaltungsliteratur ohnehin nicht gerade für ihre Langelebigkeit bekannt ist. Erstmals veröffentlicht wurde die Geschichte 1927, schockte durch die detaillierte Darstellung von Gewalt und leitete Dashiell Hammets Lebenswerk ein. Darauf wiederum baute die Arbeit von Raymond Chandler in weiten Teilen auf, der seinerseits oft als Begründer des „Crime Noire“ geführt wird.

 

Über den Verlauf der Story von Rote Ernte möchte ich nicht zu viel verraten, aber so viel sei gesagt: Ich habe selten derart immersive Szenen in einem Buch erlebt und mich in Charaktere verliebt, die eigentlich sehr wenig von sich preisgegeben haben. Zu Anfang des Buches gibt es durchaus einige Wendungen, sobald die Richtung feststeht, in die es geht, schreitet die Story jedoch recht geradlinig voran. Statt über die Story möchte ich nun aber über das schreiben, was dieses Buch so besonders macht und warum es - vollkommen zurecht, meiner Meinung nach - zu einem Klassiker wurde.

 

Für viele Verehrer dieser Sparte geht es um lässige Sprüche und das Flair vergangener Jahrzehnte. Was mich hingegen immer am meisten fasziniert hat, war die Erzähltechnik und -perspektive dieser Romane. In Rote Ernte ist diese in ihrer Reinform zu finden. Ich konnte mich selten so gut in einen Charakter hineinversetzen, wie in den Continental-Op in Rote Ernte und den Folge-Romanen, obwohl ich nichts von ihm wusste – noch nicht einmal den Namen. In gewisser Weise macht sogar das den Reiz der Perspektive aus: Nach Lektüre der Bücher mit dieser Hauptfigur bleibt ein Nachgeschmack von unlösbaren Mysterien und unerschütterlicher Moral. Diese typische Hardboiled-Moral lotet auf der Erzählebene und hintergründig immer wieder die Grauzonen aus, während der Protagonist hingegen sehr harte Entscheidungen trifft, die eher ins Muster schwarz-weiß passen.

 

Das Buch ist elegant unterteilt und die Geschichte wird im Vergleich zu moderner Unterhaltungsliteratur vergleichsweise kühl erzählt. Der Leser wird weder gehetzt noch werden Stilmittel wie Red Herrings und Cliffhanger zu oft genutzt. Vielmehr liest sich Rote Ernte wie... ja, wie ein Roman, der zwar im kriminellen Milieu spielt, aber nicht an die Zwänge gebunden ist, denen ein moderner Krimi meist unterliegt (Aufbau, Satzlänge, Sprache, Inhalt). Einzig das Ende mit dem berühmten Blutbad entspricht der modernen Konvention eines steigenden Spannungsbogens und deutete bereits 1927 an, welche Richtung die Spannungsliteratur in den kommenden einhundert Jahren einschlagen würde. Früher galt diese Sorte Roman deswegen als Pulp („Schund“), während ich diese Werke heute eher als erfrischend wahrnehme.

 

Meine Meinung zu dem Buch

 

Muss man Rote Ernte mögen, bloß weil es zu den Klassikern der Spannungsliteratur gehört? Definitiv nicht. Gerade passionierte Krimi- und Thrillerleser werden mit Sicherheit erst einmal Probleme haben, in das Buch hineinzufinden, und auch in der ansonsten tadellosen Neuauflage aus dem Hause Diogenes sind einige Übersetzungen doch sehr schmalzig geraten. Die Verballhornung des Stadtnamens mit Pissville zu übersetzen, ist freundlich formuliert grenzwertig. Generell bin ich zwar zufrieden mit der Übersetzung, die sprachlich klar gelungen ist und selten wirklich altbacken rüberkommt. Trotzdem sollte dem geneigten Leser bewusst sein, dass weder Buch noch Genre heutzutage noch massentauglich sind, und prüfen, ob er Lust hat, sich dieser Erfahrung (denn das ist das Buch definitiv) hinzugeben.

 

Jedoch, und das ist eine der großen Stärken des Buchs, selbst wenn einem weder Geschichte noch Stil zusagen: Bei Rote Ernte handelt es sich gewissermaßen um die Geburt des Hardboiled-Genres, welches wiederum diverse Wege für die moderne Spannungsliteratur ebnete. Im Klartext heißt das, dass man in diesem Buch lesen kann, woher das kommt, was man sonst immer so liest oder auch im Fernsehen sieht. Und spätestens an diesem Punkt wird das Buch für jeden lesenswert.

 

Obwohl Rote Ernte dem Crime Noire zuzuordnen ist, ist das Buch in jeder Hinsicht eher Thriller als Krimi, das machte mir persönlich allerdings nichts aus. Vom Umfang her ist das Buch überschaubar: Beim ersten Durchgang habe ich nachmittags angefangen und das Buch irgendwann gegen zwei Uhr morgens mit einem zufriedenen Seufzen beiseite legen können. Ich denke, das spricht für sich und genügt als überraschend abruptes Fazit.

 

3 Fakten zu Rote Ernte

 

"Für eine Handvoll Dollar" mit Clint Eastwood auf dem Cover
"Für eine Handvoll Dollar" mit Clint Eastwood auf dem Cover

1. Rote Ernte inspirierte den japanischen Film Yojimbo – Der Leibwächter, der wiederum adaptiert wurde zu Für eine Handvoll Dollar – dieser Film sorgte nicht nur für den Durchbruch Clint Eastwoods, sondern schrieb seinerseits Geschichte im Genre der Italo-Western der 60er Jahre. 1996 folgte das Remake Last Man Standing, das es meiner Meinung nach jedoch nicht mit dem Eastwood-Original aufnehmen konnte. Die Magie kam spätestens abhanden, als der Hauptcharakter einen Namen erhielt.

 

Jakob Arjouni brachte 1985 mit "Happy Birthday, Türke!" seinen ersten Hardboiled Krimi im Stile von Hammett und Chandler heraus. [Bild: Diogenes]
Jakob Arjouni brachte 1985 mit "Happy Birthday, Türke!" seinen ersten Hardboiled Krimi im Stile von Hammett und Chandler heraus. [Bild: Diogenes]

2. Der Frankfurter Krimischriftsteller und spätere Literat Jakob Arjouni sagte über das Buch „Mit zwölf zum ersten Mal Rote Ernte von Hammett gelesen – nicht alles verstanden, aber begeistert“ und führte es als Inspiration dafür an, einen Hardboiled Krimi mit Frankfurt als Schauplatz zu schreiben.

Autor Dashiell Hammett [Bild: alchetron.com]
Autor Dashiell Hammett [Bild: alchetron.com]

3. Der Autor Dashiell Hammett arbeitete für die legendäre Detektivagentur Pinkerton und engagierte sich im Verlaufe seines Lebens politisch. Eben dieses Engagement sorgte indirekt für eine Tantiemensperre, in deren Folge er trotz seines kommerziellen Erfolges als armer Mann starb.